„In einer Festanstellung vermisse ich die Selbstbestimmung"

Jörg Vogel ist freiberuflicher Art Director im Bereich Grafikdesign in München. Er übernimmt hauptsächlich Leitungsfunktionen im Bereich Konzeption und Design und arbeitet medienübergreifend als Projektleiter in der Kreation. Wir haben mit ihm über seine Entscheidung für die Freiberuflichkeit und was ihm bei Projekten besonders wichtig ist gesprochen!

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WIE KAM ES DAZU, DASS DU DICH SELBSTSTÄNDIG GEMACHT HAST?

„Ich war zu dem Zeitpunkt 34 und hatte sowohl im Verlagswesen als auch im Agenturbereich gearbeitet. Da gab es sowohl Pros als auch Contras. Aber grundsätzlich wollte ich sehen, wie es ist, wenn ich mich selbst manage und meine Jobakquise selbst mache. Und wenn es schiefgelaufen wäre, ist man im Medienbereich mit 34 noch nicht ganz weg vom Markt. In diesem Bereich muss man oft auf Freelancer zurückgreifen, z.B. bei Engpässen oder in speziellen Fachbereichen, die die Agentur nicht übernehmen kann. Also habe ich mich dazu entschlossen, es auszuprobieren."

WELCHE VORTEILE SIEHST DU IN DER SELBSTSTÄNDIGKEIT?

„Hauptsächlich die Flexibilität. Am Anfang arbeitet man logischerweise sehr viel am Wochenende, um all das zu erledigen, was unter der Woche zu kurz kommt, zum Beispiel Buchhaltung, Akquise und Eigenwerbung. Ich bin kein klassischer Unternehmer, aber man muss sich selbst vermarkten können. Das kostet Zeit und Geld.

Ich arbeite sehr gerne konzeptionell, sowohl für Digital als auch für Print. Als Freelancer wird man nicht für den Alltag gebucht, sondern für spezielle Aufgaben. Das hat den Vorteil, dass ich selbst entscheiden kann, wann ich arbeite. In einer Festanstellung vermisse ich diese Selbstbestimmung. Es ist meiner Meinung nach sehr konservativ zu denken, dass von 8:00 bis 18:00 Uhr die beste Zeit ist, um zu arbeiten. Wenn ein Projekt fertig werden muss, dann ist es egal, um welche Tageszeit ich das erledige. Wenn ich merke, dass es gerade nicht läuft, dann lasse ich es und mache in einem Moment weiter, in dem ich produktiver arbeiten kann. Diese Möglichkeit sollte meiner Meinung nach jeder haben und ich würde mir das ungerne nehmen lassen."

Welche HERAUSFORDERUNGEN GAB ES AUF DEM WEG IN DIE SELBSTSTÄNDIGKEIT?

„Definitiv Ämter und Steuern. Ohne einen betriebswirtschaftlichen oder kaufmännischen Hintergrund ist das nicht ganz so einfach. Ich habe das Thema Einkommenssteuer erst nach drei Jahren wirklich wahrgenommen. So kam es, dass ich innerhalb von 6 Wochen 14.000 Euro zu bezahlen hatte. Ich hatte 8.500 Euro gespart, mir ist allerdings kurzfristig ein Projekt weggebrochen, mir fehlten also immer noch 5.500 Euro. Und bei der Steuer gibt es kein Wenn und Aber. Das kann für große Einrisse sorgen."

MUSST DU OFT KOMPROMISSE EINGEHEN?

„Oft hapert es am Geld. Jeder möchte immer unter dem geplanten Budget bleiben und erfahrungsgemäß wird dafür gerne am Personal gespart. Ich habe viele Projekte nicht bekommen, weil ich den Verantwortlichen zu teuer war. Es ist wichtig, sich richtig einschätzen zu können, um entsprechend zu argumentieren, aber vor allem ehrlich zu bleiben, auf beiden Seiten. Wenn ein Unternehmen mit mir offen darüber spricht, dass sie nur ein bestimmtes Budget haben, mich aber unbedingt haben möchten und das Projekt langfristig angelegt ist, dann kann man gerne über einen Preisnachlass reden.  Es geht auch immer um Sales und Selbstvermarktung."

HAST DU SONST NOCH WEITERE TIPPS für ANGEHENDE FREELANCER?

„Man sollte nicht alles mitmachen, wissen wer man ist und was man wert ist. Professionell arbeiten, aber alles mit einem Augenzwinkern betrachten. Wenn Dinge nicht wie geplant laufen, dann ist das nicht das Ende der Welt. Ich habe eine Unternehmenshaftpflicht, die mich schützt, falls ich tatsächlich einen größeren Fehler mache und das ist auch wichtig. Aber man operiert nicht am offenen Herzen und dessen sollte man sich auch immer bewusst sein."

Welche NETZWERKE nutzt DU neben Academic Work NOCH?

„Berufsspezifische Plattformen wie Designer.doc zum Beispiel, das sind wirklich Profis und auch noch sehr nett. Sehr gängig ist Xing, weil es eine breitgefächerte Plattform ist, auf der ich auch öfter interessante Gespräche hatte. Ansonsten nicht viel mehr, ich tue mich nämlich etwas schwer mit kleineren Projekten. Da investiert man meistens viel Kreativität, was zwar Spaß macht, aber oft steckt hinter diesen Projekten sehr wenig Budget."

WAS IST DIR VOR ORT BEI EINEM PROJEKT WICHTIG?

„50 % fachliche Kompetenz und 50 % menschliche Kompetenz. Wenn ich mit den Leuten nicht reden kann, ist das schlecht für das ganze Projekt. Und: Man sollte nie den Spaß an dem verlieren, was man tut."

WIE KANN EIN ANGEHENDER FREELANCER ERKENNEN, OB die TEAMDYNAMIK PASST?

„Das ist tatsächlich das schwierigste: Menschliche Dynamik kann Spaß machen, kann aber bei der Arbeit auch hinderlich sein. Manchmal muss man auch Klartext reden. Gerade wenn man neu ist, lässt man oft mehr über sich ergehen, als man müsste. Ausprobieren sollte man natürlich so viel wie möglich, aber auch die Finger davon lassen, wenn man merkt, dass die Auftraggeber intern nicht gut strukturiert sind. Wenn es intern schon kompliziert ist, dann wird es auch für einen Externen schwierig und auch der Kunde wird oft unzufrieden sein. Ich bin da mittlerweile aber sehr entspannt. Wenn es nicht läuft, dann sage ich ganz offen, dass dies das letzte Projekt für mich war und basta."

VIELE MITTELSTÄNDISCHE UNTERNEHMEN SIND GEGENÜBER INTERNATIONALEN FREELANCERN SKEPTISCH: SIEHST DU DA ENTWICKLUNGEN?

„Meine persönliche Erfahrung ist, dass es ganz normal geworden ist, sich auf Englisch miteinander auszutauschen. Internationalität ist allgemein sehr gefragt. Manche Mittelständler ticken allerdings schon noch ein bisschen anders. Aber Internationalität bringt ein breit gefächertes Know-how mit, das sollte gewertschätzt werden."

WAS IST DIR WICHTIG, WENN DU MIT EINEM PERSONALDIENSTLEISTER ZUSAMMENARBEITEST?

„Ehrlichkeit, vor allem beim Finanziellen. Wenn die Dinge von beiden Seiten mit Professionalität, Offenheit und Ehrlichkeit angegangen werden, bin ich auch gerne kompromissbereit."

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