Active Sourcing - Rekrutierung über Xing & Co.

Als Talent Sourcer bei Academic Work hält Christian Buchard fast rund um die Uhr Ausschau nach den richtigen Kandidaten. Wie Active Sourcing im Recruiting erfolgreich eingesetzt wird und was man unbedingt vermeiden sollte, verrät er im Interview.

Bild

Active Sourcing ist seit einiger Zeit in der HR-Branche in aller Munde – doch was versteht man darunter eigentlich genau?

Der Begriff bezeichnet die aktive Suche – online sowie offline – nach potentiellen Kandidaten, deren Profil auf eine bestimmte Position oder allgemein zum Unternehmen passt. Hauptsächlich findet diese Suche natürlich in sozialen Jobnetzwerken wie Xing und LinkedIn statt, aber auch privatere Kanäle wie Facebook spielen zunehmend eine Rolle. Daneben ist die Suche auf Messen, Events und Meet-ups nicht zu vernachlässigen. Dort ist die Reichweite zwar geringer, ein persönlicher Austausch hat aber oft eine deutlich höhere Qualität. Ist der Kontakt hergestellt, ist der Aufbau einer dauerhaften Beziehung zum Kandidaten ein wesentlicher Bestandteil des Active Sourcing. Das bedeutet, dass ich mich in regelmäßigen Abständen und natürlich auch zum entscheidenden Zeitpunkt, z.B. kurz vor dem Studienabschluss, melde. Auf diese Weise baue ich mir nach und nach einen Talent Pool auf, in dem ich für bestimmte Stellenprofile jederzeit passende Kandidaten finden kann.

Wie unterscheidet sich die Suche im Vergleich zum „klassischen“ Recruiting?

Recruiting ist zunächst viel passiver: Nach dem Post & Pray-Prinzip werden offenen Position ausgeschrieben und auf eine möglichst große Anzahl Bewerber gehofft, aus der dann letztendlich einer ausgewählt wird. Im Sourcing gehe ich dagegen aktiv auf einige wenige Kandidaten zu, deren Profile mit großer Wahrscheinlichkeit perfekt passen. Pro offener Stelle sind das ca. 35 Kandidaten. Prinzipiell bildet Active Sourcing die Basis für den weiteren Rekrutierungsprozess. Signalisiert ein Kandidat Interesse an einer Position, übernimmt ein Recruiter alle weiteren Schritte, um zu prüfen, ob der Kandidat tatsächlich für die Position eingesetzt werden kann.

Für welche Unternehmen ist Active Sourcing besonders empfehlenswert?

Prinzipiell für jedes, aber besonders mittelständische Unternehmen im den Branchen IT, Ingenieurwissenschaften und Elektrotechnik sollten nicht versäumen, diesen neuen Weg im HR-Bereich zu gehen. Active Sourcing benötigt allerdings einiges an Ressourcen. Lizenzen für den Service von Jobnetzwerken, wie dem Xing Talent Manager, und für Lebenslaufdatenbanken verursachen hohe Kosten. Um sich in den Fachbereich gut einzuarbeiten und immer up-to-date zu bleiben, sollte sich ein Talent Sourcer dieser Aufgabe im Idealfall in Vollzeit widmen.

Wie lässt sich ein potentiell passender Kandidat schnell erkennen?

Fachwissen und Erfahrung sind in einem aussagekräftigen Profil leicht ersichtlich. Gibt der Kandidat dann noch an, was er sucht, lässt sich im ersten Schritt gut abschätzen, ob er für mich interessant sein könnte. Bisherige Arbeitsverhältnisse, Gehaltsvorstellungen und Profilaktivität runden den ersten Eindruck ab und geben Hinweise darauf, ob jemand offen für eine berufliche Veränderung ist. Bei den Soft Skills wird es natürlich schwieriger. Deshalb telefoniere ich nach dem ersten schriftlichen Austausch mit jedem Kandidaten. Im Gespräch gehe ich näher auf interessante Stellen ein, beantworte Fragen und kann mir ein genaueres Bild von seiner Persönlichkeit machen.

Topqualifizierte Kandidaten werden sicherlich sehr häufig kontaktiert. Wie weckt man am besten das Interesse?

Zunächst muss meine Nachricht zwischen allen anderen herausstechen und neugierig machen. Die erste und zugleich größte Herausforderung ist die Betreffzeile. Statt Standardfloskeln zu verwenden kann man hier seiner Kreativität freien Lauf lassen und Bezug zu aktuellen Anlässen oder Branchen-News nehmen – gerne auch humorvoll mit einem Augenzwinkern.

Die eigentliche Nachricht sollte kurz und prägnant sein, keine längere Lesedauer als 45 Sekunden haben und den Leser schon in den ersten zwei Sätzen fesseln. Auch hierbei sind Gemeinsamkeiten und Themen aus der Welt der Zielgruppe hilfreich. Ich muss die gleiche „Sprache“ sprechen und mich in der Thematik top auskennen, um dem Kandidaten auf Augenhöhe zu begegnen. Das Ziel sollte der Beginn eines Austauschs sein und nicht die Besetzung der Position!

Welche Tipps können Sie sonst noch für eine erfolgreiche Sourcing-Strategie geben?

Neben dem Inhalt ist Timing das A&O. Die beste Nachricht wird zum falschen Zeitpunkt kaum jemanden überzeugen. Auch hier gilt: Ich muss meine Zielgruppe genau kennen und wissen, wie ihr Tag aussieht. Kurz vor der Mittagspause ist z.B. ein guter Zeitpunkt für eine Kontaktaufnahme, der Montagvormittag dagegen eher nicht. Auch beim Nachhaken sollte man Fingerspitzengefühl beweisen: Nicht zu früh, aber auch nicht länger als 48 Stunden warten – sonst ist die vorherige Mail längst vergessen und schwer auffindbar, man muss also wieder von vorn beginnen. Nach dreimaligem Nachhaken ist bei mir Schluss, denn aufdringlich sollte man als Sourcer auf keinen Fall werden.

Ich probiere in regelmäßigen Abständen neue Strategien aus und vergleiche die Resonanz. So komme ich auf eine Antwortrate von 25-30% – und im Bereich IT sind Antwortraten von weniger als 10% durchaus Normalität!

Wie ist die Erfolgsquote beim Active Sourcing und wie wird diese Strategie das Recruiting in den nächsten Jahren beeinflussen?

2016 wurden bereits 8% der Stellen über Active Sourcing bzw. die Rekrutierung in sozialen Netzwerken besetzt. Damit liegt dieser Bereich jetzt schon unter den Top 4 neben Stellenanzeigen, Karriereseiten und Mitarbeiterempfehlungen. Heute nutzen bereits vier von zehn Unternehmen diesen Weg zur Besetzung ihrer Vakanzen. Auf lange Sicht wird Active Sourcing in der Personalrekrutierung gerade in stark wachsenden Branchen unabdingbar sein. Denn topqualifizierte Kandidaten kommen bei dem Wunsch nach einer beruflichen Veränderung gar nicht mehr dazu, sich aktiv auf eine Stelle zu bewerben – sie werden schon lange vorher von Talent Sourcern angeschrieben und „weggesourced“!

Teilen